Wenn ein Kloster nach 300 Jahren verstummt / 15.01.2020 Projektbeschreibung
„Mitten im Leben – Ein Jahr mit Pater Matthäus im Kloster Reisach“ Fast 300 Jahre lang war das Karmelitenkloster Reisach in Oberaudorf ein Ort des Gebets, der Stille und der Begegnung. Seit 1728 prägten Mönche diesen besonderen Ort im Inntal – bis klar wurde, dass eine Ära zu Ende geht. Hohe Sanierungskosten, ein abgesagter Kauf durch das Erzbistum München-Freising und der seit Jahren spürbare Nachwuchsmangel in den Orden führten dazu, dass das klösterliche Leben in Reisach auslief. Mit Pater Paul, Pater Slawek und Pater Matthäus gehen die letzten drei Karmeliten-Patres in die Geschichte dieses Hauses ein.
Im Jahr 2019 bot sich mir die besondere Gelegenheit, den wirklich letzten Bewohner des Klosters, Pater Matthäus, fotografisch zu begleiten – ein ganzes Jahr lang. Ich durfte ihn in seinem Alltag beobachten: im Gebet, im liturgischen Dienst, in der Seelsorge und in den vielen leisen Zwischenmomenten, in denen sich Menschlichkeit, Zweifel, Humor und Hoffnung zeigen. So entstand eine fotografische Langzeitdokumentation über einen Mann, der stellvertretend für ein verschwindendes Kapitel kirchlichen Lebens steht – und gleichzeitig zeigt, wie lebendig Glaube sein kann.
Das Projekt versteht sich als visueller Abschied von einem Ort, der über Jahrhunderte spirituelle Heimat war – und als Portrait eines außergewöhnlichen Menschen, der zeigt, dass gelebter Glaube nicht Rückzug bedeutet, sondern Präsenz, Beziehung und Offenheit. Die Fotografien halten nicht nur ein Stück Klostergeschichte fest, sondern erzählen von einem Pater, der seine Berufung mitten im Leben verortet: mit Humor, Leidenschaft und echter Verbundenheit zu den Menschen. So wird aus der Dokumentation eines sterbenden Klosters eine universelle Geschichte über Wandel, Abschied und die Frage, was bleibt: Die Mauern mögen fallen – doch die Begegnungen, die Haltungen und die gelebte Nächstenliebe wirken weiter.